Samstag, 28. Juni 2014

Dampf ablassen - ESMOD München

Ich will noch ein bisschen was über die ESMOD München loswerden. Ich muss Dampf ablassen. Endlich.
Denn vorgestern war mein allerletzter Tag, den ich an dieser Schule verbringen werde. Deswegen finde ich es angemessen mal drüber zu reflektieren. 


Der Grund warum ich überhaupt hier gelandet bin war meine eigene Dummheit, darüber bin ich mir selber bewusst. Es ist halt blöd gelaufen; Nach meinem Abi habe ich Praktika gemacht und hatte eine Einstellung von "Ach was, ich chill kräftig, mein Studium kann ein bisschen warten!". Meine Naivität in der Hinsicht schiebe auch ein bisschen auf meine eigene Faulheit und mein Alter. Ich habe mit 17 Abitur gemacht und wenn man mal bedenkt, dass manche sogar im G9 System manchmal mit 19/20 nicht wussten was sie mit ihrem Leben anfangen sollten, tja was soll ich da sagen?!
Als ich mich erkundigte wegen Schulen im Ausland, sprich London und auch New York (gegen welche ich mich letztendlich entschied), waren alle Fristen schon abgelaufen. F***.
Meine Eltern drängten mich aber dazu endlich mal mit meinem Studium anzufangen, da schon ein Jahr seit meiner Schulzeit vergangen war. Berechtigt. Mir blieb also nichts anderes als ESMOD München übrig, denn die nahmen noch mit weit offenen Armen Bewerber im Juni/Juli an. Das fand ich schon ein bisschen suspekt.
Als ich mich bewarb, wurde mir schon im Gespräch gesagt, ich würde hier unterfordert sein. Das nahm ich mal so hin und war einfach happy, dass ich den Platz bekommen hatte.
Als es im September losging, schaffte ich es tatsächlich am ersten Schultag zu spät zu erschienen, was nicht gerade einen tollen Eindruck hinterließ. Ich habs leider nicht so hundertprozentig mit Punktlichkeit, eine Schwäche von mir.
Dazu hatte ich noch eine zerrissene Strumpfhose, kniehohe, schwarze benietete Lederstiefel an, eine Lederjacke, ein knappes Top und eine highwaisted Nietenshorts - ein für München eher gewagtes Outfit, in etwa so.
Aber ich dachte, das sei angemessen an einer Modeschule, da laufen ja alle individuell rum, jeder zieht sein Ding durch und es wird toleriert. Wie an Central Saint Martins oder auch F.I.T., wo ich schon in der Vergangenheit Sommerkurse besucht hatte.
Ne, nichts wars! Ich wurde angeschaut wie ein Verbrecher und fühlt mich wie in einem Wirtschaft- oder BWL Studiengang. Es waren vielleicht eine Handvoll Leute unter den 30 Schülern im Raum, die tatsächlich aussahen wie Modestudenten. Gut, Aussehen ist lange nicht alles also beruhigte ich mich wieder.

Dann ging der Spaß weiter… Ich setzte mich hin, die Atmosphäre war angespannt, ganz anders als ich erwartet hatte. Aber ich hatte mir vieles sehr sehr anders vorgestellt, wie sich jetzt im Nachhinein herausgestellt hat. Als nächstes bat uns die Schulleitung uns in einer Runde vorzustellen, aufzustehen, unseren Namen, Alter und sonstiges über uns zu nennen. Ich musste aufpassen, dass ich nicht anfing zu lachen. Seriously? Ich bin da wirklich sehr ehrlich, ich finde sowas echt nicht angebracht an einer Uni bzw. Hochschule. Das macht man in der Grundschule.
Dann sollten wir eine Figurine zeichnen und ein Kleidungsstück entwerfen. Die meisten haben in meinen Augen einfach nicht gut gezeichnet. Ich kann das leicht sagen, ich hatte jahrelangen Zeichenunterricht, das weiß ich selber, aber man kann von einem Modestudenten erwarten, dass er die Fähigkeit besitzt seine Ideen auf Papier zubringen ohne, dass dabei eine Kleinkindzeichnung entsteht. Es muss einfach ein Verständnis für das Medium vorhanden sein und man sollte Kenntnisse in Bereichen wie Wahrnehmung, Schattierungen, menschliche Proportionen und Anatomie haben. Aber man konnte nicht mal wirklich von den Professoren behaupten, dass sie diese Fähigkeiten zu 100% besaßen. Für diese Aussage werden mich wahrscheinlich einige Mitschüler köpfen, aber das ist meine Meinung.
Ich war echt ein bisschen geschockt.
Von diesem Tag an wusste ich, dass ich nicht gerade so glücklich werden würde wie ich es mir erhofft hatte.

Alles im Detail muss ich nicht aufzählen, aber 9000€ im Jahr für eine Schule, an der ich nicht wirklich viel gelernt habe, die Nähmaschinen und Bügeleisen meistens nicht funktionieren, die Schulleitung sich weigert neue zu holen (wenn man kein entkalkes Wasser in eine Bügeleisen kippt dann werden die kaputt gehen!), sich weiterhin auch weigert Spinds anzuschaffen und wir jeden Tag alles neu mitschleppen müssen (Nähmaschinen, Papierblöcke, große Lineale…) - wenn man etwas stehen oder liegen lässt verschwindet es meistens komischerweise? Als hätten es die Schüler an so einer Schule, die jetzt nicht unbedingt aus super armen Verhältnissen kommen, es nötig zu klauen?
Wenn Schüler wie ich, die ein bisschen mehr können als der Rest, fragen, ob es denn möglich sei Aufgaben ein bisschen schwieriger zu gestalten und darauf eine Antwort von wegen "ne geht leider nicht" bekommen, obwohl man sich schon bewusst ist das die Person unterfordert ist? Einem im Bewerbungsgespräch versprochen wird, dass in dem Jahr der Bachelor of Arts endlich anerkannt wird und dann nach drei Wochen Schulbeginn dieses Versprechen wieder zurückgezogen wird? Toll und was mache ich nach der ESMOD, wenn ich einen Master machen will, wenn ich keinen Bachelor habe?
Wenn man selber kreativen Input in eine Aufgabe bringt und nicht genau das Beispiel an der Pinnwand in grün abkopiert eine schlechtere Noten kriegt als die, die alles aus dem Internet abpausen?
Ich dachte es sei eine kreative Schule und ein kreatives Fach?
Wenn Angaben einfach nicht richtig formuliert werden oder mitten im Prozess geändert werden, mit der Begründung WEIL HALT und man sich nicht auf die Aussagen des Professors verlassen kann, weil jedem was anderes gesagt wird? Man kriegt auch kein verwertbares Feedback bezüglich Noten und Arbeiten. Mich hat es immer wieder so sauer gemacht mit ihnen über meine Arbeiten zu reden und zu fragen was ich denn besser machen kann, bzw. was das Problem war, warum ich keine bessere Note bekommen habe und die Begründung immer wie aus der Pistole geschossen kam: "Ja, Sie haben sich nicht an die Aufgabe gehalten, Sie müssen das machen was im Beispiel aufgezeigt wird!" - Hm ja und die Kreativität bleibt auf der Strecke liegen, herzlichen Glückwunsch. Mir wurde auch einmal gesagt "Ihre Arbeiten sind zu kreativ" - einen Kommentar dazu erspare ich mir jetzt mal. Das zeugt für mich einfach von fehlenden Fähigkeiten und es ist für mich ein Rätsel warum solche Leute als Dozenten an einer internationalen Modeschule eingestellt werden. Wenn man nicht dafür zahlen würde, hätte ich Verständnis dafür, aber alle an dieser Schule zahlen ein Haufen Geld.
Kein Wunder, dass wenn man durch die Gänge der Schule läuft, alles gleich aussieht und man Sachen von namenhaften Designern mit kleinen Abänderungen wieder erkennt. Als das dritte Jahr ihre Abschlusskollektion vor ein paar Wochen in der Muffathalle zeigte, wies eine Freundin eine Abschlussstudentin darauf hin, dass das ja ein Kleid von Dolce & Gabbana sei, was sie da produziert hatte, denn genau dasselbe hatte meine Freundin im Schrank hängen. Die Studentin schaute einfach nur auf den Boden und fühlte sich ertappt.
Ist das der Sinn von Modedesign? Da wären wir schon beim nächsten Thema: warum und wie entstehen solche "originellen" Designs?

In unseren Arbeiten namens "Dossiers", welches praktisch ein Überbegriff für den Werdegang einer Kollektion ist, mussten wir verschiedene Aufgaben erfüllen. Eine davon war es Clippings zu erstellen.
Ein Clipping ist, per Definition der Schule, eine Zusammenstellung verschiedener vorhandener Designs, die zu einem Neuen zusammen gefügt werden sollten.
Und so ist es kein Wunder, dass Designs sich immer wieder wiederholen und nichts wirklich Neues entsteht. Es beginnt schon in den Anfängen der Recherche: alte Kollektionen anschauen und sich davon inspirieren lassen; Ich persönlich finde man muss in Museen gehen, Bücher durchforsten, selber zeichnen, Kunst Ausstellung anschauen, usw. und sich davon inspirieren lassen. Nur dann wird man auf neue innovative Ideen kommen. Mir wurde sogar ausdrücklich an Central Saint Martins im Sommerkurs 2011 verboten mich mit vorhandenen Kollektionen auseinanderzusetzen - jetzt weiß ich auch zu gut warum. Ich mein ein Alexander McQueen oder John Galliano haben sich sicherlich nicht hingesetzt und haben gesagt "Ok ich Stempel mal ein bisschen Chanel, Gucci und Louis Vuitton zusammen und habe meine neue Herbst/Winter Kollektion". Allgemein wird einfach kein Wert auf irgendeine intensive Recherche gelegt. Es heißt sonst in Aufgaben: Suchen Sie bitte 10 Landschaftsbilder, 15 Details, 10 Accessoires, 5 Gesichter, usw raus. Da muss man nur ins Internet gehen und auf Tumblr / Google seine Schlagwörter eingeben et voilá die Aufgabe ist in 2 Stunden erledigt und abgehakt.
Durch solch einen Arbeitsprozess kratzt man nur so die Oberfläche des eigentlichen Modedesignens an und hat überhaupt keine Chance tief in das Geschehen zu sinken.
Zum Glück wird schon auf der Hompage der Schulen in der UAL ( = Universities of the Arts --> Zusammenschluss aus verschiedenen Mode-/Kunsthochschulen in England, sprich Central Saint Martins und London College of Fashion) klar und ausdrücklich gesagt, dass sie super viel Wert auf die Recherche vor einer Kollektion legen. Also das Gegenteil von dem was hier fabriziert wird. Hoffe ich… Aber ich habe es ja auch schon im Sommerkurs an Central Saint Martins in 2011 gesehen. Es ist kein Vergleich. Andere mögen mir nicht zustimmen, aber das ist meine Meinung.

Ich könnte noch weiter machen, aber ich glaube das reicht erstmal.

Es ist einfach schade, weil man so viel mehr aus dieser Schule machen könnte, aber jegliche Kritik oder Verbesserungsvorschläge treffen auf kalte, sture Fronten. Und es ist schade um die Leute, die sich wirklich den Arsch aufreißen und was erreichen wollen und die Lehrkräfte, die sich auch für unsere Klasse eingesetzt haben. An diese Leute möchte hier an dieser Stelle noch mal meinen Dank aussprechen! Ihr habt die Zeit an der ESMOD München ein bisschen schöner für mich gemacht. Natürlich bedanke ich mich auch bei meinen tollen Freunden, die ich dort kennengelernt habe. Ohne euch wäre es nicht mal annähernd so erträglich gewesen. Und auch meine Eltern, die meine Zeit bei der ESMOD möglich gemacht haben.

Gerüchte gehen schon rum, dass es kein neues erstes Jahr geben wird, weil sich zu wenige beworben haben und die Schule evtl. schließen muss. … Es ist schade, aber wundern würde es mich nicht.

Mit diesen letzten Worten lasse ich nun die ESMOD München endgültig hinter mir.
Es war nicht alles schlecht aber es überwiegt, leider.
Trotzdem werden mir auf die lange Zeit hoffentlich nur die schönen Sachen in Erinnerungen bleiben!


Pictures by Carlos Methfessel

Kommentare:

  1. Wow toller und interessanter Post ! Wir wünschen Dir ganz viel Erfolg in London und den wirst du garantiert haben :)

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  2. finde es super, dass du so einen ehrlichen und reflektierten Einblick gibst. schade nur, dass es für dich scheinbar weder die Zeit, noch das Geld wert waren. ich hoffe, an deiner nächsten "Station" ergeht es dir besser – aber ich denke im Endeffekt werden es Leute wie du, die wirklich eine Leidenschaft für etwas haben und deshalb auch entsprechende Herausforderungen suchen (und nicht nur mit Standart-Aufgaben abgespeist werden möchten), immer weiter bringen, als diejenigen, die sich mit dem Nötigsten zufrieden geben.

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  3. Ich befinde mich momentan in einer ähnlichen Situation, das ist echt ärgerlich aber du kannst stolz sein dort geblieben zu sein und es durchgezogen zu haben :)

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  4. du hast mir so unglaublich weiter geholfen, dafür danke ich dir für diesen tollen post!

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  5. hi,
    ich bin selbst Esmod-München-Absolventin, ist schon ein paar Jährchen her. Aber deinen Bericht kann ich zu 100% unterschreiben. Das war genauso, wie du es geschildert hast. Hauptsache, sie hatten pünktlich die Kohle der zahlenden Studenten am Konto. Und ich habe mich wirklich sehr oft geärgert, auch über die fehlenden funktionierenden Gerätschaften, was ich für eine so teure Modeschule, die sich anfangs für so professionell und highfashion ausgab, als vollkommen unwürdig und unprofessionell empfand. Die Aufgaben (Dossiers) unterlagen einem starren System, die Beurteilung war vollkommen willkürlich. Die Schließung der Esmod in München kam für mich keinesfalls überraschend. Wer so arbeitet und Studenten etwas vorgaukelt und sie dann bitter enttäuscht, braucht sich über fehlende Einschreibungen nicht wundern. So bleibt mir nur mehr abschließend zur Münchner Dependance zu sagen: außen hui, innen pfui.

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